Wie ist die Temperatur eines Bildes?

Eine Fragestellung, die bei der Betrachtung sogenannter radikaler, konkreter oder monochromer Malerei von großem Interesse sein kann, zielt doch diese Form einer Zuspitzung des abstrakten Bildes auf mehr als auf die bloße Darstellung des Materials am Nullpunkt.

Dass Bilder auch eine Temperatur haben können, muss dabei nicht unbedingt heißen, dass ihre Temperierung nur symbolische Vorspiegelung für den willigen Betrachter sein muss. Mit seinen Bildtafeln untersucht Thomas Mükisch im materiellen Sinne die Temperaturen, denen ein Bild ausgesetzt sein kann. Hierzu verwendet er spezielle Kreiden, die sich bei entsprechend angestiegener Oberflächentemperatur zu verflüssigen beginnen: Sogenannte Thermomelt-Kreiden werden sonst im Bereich der Hochofentechnik angewandt, um bestimmte Temperaturzustände am Schmelzofen zeichenhaft sichtbar werden zu lassen. Als ebenfalls „wärmeempfindsam“ erweisen sich die Solstick-Kreiden, die Thomas Mükisch selbst herstellt.

Thomas Mükisch nutzt diese Eigenschaft, um den Temperaturverlauf auf einer mit dem Schleifmittel Siliziumkarbid beschichteten Tafel anzuzeigen, die er an von ihm bestimmten Stellen den Sonnenstrahlen und dem damit verbundenen Temperaturanstieg aussetzt. Darauf bringt er schließlich in ruhigen Streichbewegungen die Kreide auf, die sich an der erwärmten Stelle in ihren flüssigen Zustand versetzt.

Die Handschrift des Kreideauftrags und die kalkulierte Physik der Temperaturerwärmung eines partiellen Bereichs der Bildtafel gehen dabei eine fast alchemistische Verbindung ein, die das malerische Material nicht nur in zwei Aggregatzustände überführt – fest und flüssig – sondern den Verlaufsprozess wie auf einer Art fotografischen Platte einschreibt.

Bernd Künzig, Temperierte Stimmung (Auszug), 2010